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WINTER 2011
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HARMANIC - Chronicles Of Devastation (Terrasound)

Konnten die Wiener HARMANIC bereits 2009 mit der 5-Track-EP "Forsaken Soil" für einiges Aufsehen sorgen, legen sie nun ihr erstes Langspielwerk vor. Was den geneigten Hörer in den elf Songs erwartet, ist alles andere als leicht verdaulich, wird aber erneut für Aufsehen sorgen, so viel ist sicher.

Das Genre-Gemisch im Spannungsfeld von Metalcore, Death und Thrash ist ziemlich abwechslungsreich gehalten, die Songs wirken im ersten Moment eher verwirrend und unstrukturiert. Doch das ändert sich, sobald man sich (spätestens bei "There Shall Be Light") warm gehört hat. Markant ist vor allem der Gesang/das Gekreische von Sänger Prabhin Velankanny, der sich hier in oft dreifacher Ausführung einen Ast plärrt und so ziemlich furchterregende, oftmals nicht mehr ganz menschlich klingende Vokaleruptionen zutage fördert. Aber es geht auch clean - wie beispielsweise der ziemlich starke Titeltrack sehr schön verdeutlicht.

HARMANIC können sich mit dieser Scheibe sicherlich am heiß umkämpften heimischen Metal-Markt etablieren - einzig die eigene Note fehlt ihnen noch. Mal tönt ein wenig THE SORROW heraus, mal meint man ein bisserl von ARCH ENEMY wahrzunehmen. Egal, denn mit Tracks wie dem vielschichtigen "Calm After The Storm" (erinnert ein wenig an Bay Area-Thrash, aber auch an TRIVIUM), dem Melo-Neckbreaker "Domination On Their Mind" oder "Of Ember And Flame", das mit gewitzten Melodie-Abfahrten erstaunt, können die fünf hier auf voller Länge überzeugen. Und werden sicher für den einen oder anderen offenen Mund sorgen - Härte trifft auf ausgefeiltes spielerisches Können. Nichts wirklich Neues, aber hier greift einfach alles wunderbar ineinander.

Abgerundet durch ein beeindruckendes Artwork und eine wie immer arschtighte "Hinterhof"-Produktion von Mister Norbert Leitner kann sich "Chronicles Of Devastation" locker mit aktuellen Outputs der Oberliga messen, auch wenn mich jetzt kein Song speziell vom Sessel wirft. Die Wiener musizieren auf hohem Level und können das Ganze auch live umsetzen, wie sie ja schon ausführlich bewiesen haben.  

www.harmanic.at

Mike

 

MEGADETH - Th1rt3en (Roadrunner/Warner)

War irgendeine MEGADETH-Scheibe eigentlich jemals wirklich schlecht? Nun, wenn man die Entwicklung der Band von Beginn an verfolgt hat, dann gab es bei zumindest mal einen kleineren Knick nach unten, denn "The System Has Failed" und "United Abominations" waren meines Erachtens nach ja nicht so das Gelbe vom Ei (und „Risk“ war besser?? Andi).  Dafür fiel "Endgame" dann wieder ein wenig stärker aus. Und die vorgegebene Richtung hat schon gepasst, denn auf "Thirteen" sind Dave Mustaine und Konsorten fast wieder zu alter Stärke aufgelaufen.

Ob das nun damit zu tun hat, dass der Meister nach fast zehn Jahren wieder seinen partner in crime Dave Ellefson an Bord geholt hat, kann man auf Anhieb nicht sagen, obwohl der Bassist ein paar nicht unwesentliche Parts mit beigesteuert hat. Die eingängige Single "Public Enemy No.1", das aggressive "Whose Life" oder "Black Swan" (für mich eigentlich der stärkste und eingängigste Track hier!) sind einfach MEGADETH-Standardkost auf gewohnt hohem Niveau. So wie man es von einem Dave Mustaine eben erwartet. Weitere Glanzlichter sind das groovig-treibende "Deadly Nightshade", das mit Doublebass-Schmankerl und sägenden Riffs verzierte "Never Dead" und der durchaus headbang-kompatible Midtempo-Bolzen "Wrecker". "New World Order" kann mit interessanter Rhythmik punkten und wird am Ende noch mal richtig fett, und der finale Titelsong lässt die Scheiblette ungewohnt ruhig  ausfaden, erinnert der Track doch ein bisschen an "In My Darkest Hour". Ersparen sollte uns die Kapelle nächstens aber Halbballaden wie das langweilige "Millenium Of The Blind" oder das unspektakuläre "We The People". Auch der Opener "Sudden Death" zieht nicht so ganz vom Beginn weg, wie er eigentlich sollte.

Aber was soll´s. Die Masse an extrem chef-mässigen Riffs macht die Durchhänger hier locker wieder vergessen, MEGADETH sind und bleiben eine der maßgeblichen Institutionen des Metal, und daran gibt's auch in Hinkunft nichts zu rütteln. "Thirteen" ist zu den besseren Outputs von "Mecker-Dave" zu rechnen, wenn auch kein absolutes Top-Album. Die momentane  Besetzung scheint sich auch optimal zu ergänzen und zu inspirieren, und wenn man auf diesem Level weiterarbeitet, sind irgendwann auch die Schnitzer der vergangenen Jahre vergessen und vergeben.

www.megadeth.com

Mike

 

ZOMBIE INC - A Dreadful Decease (Massacre/Soulfood)

Der Herr Schirenc hat wieder mal eine neue Spielwiese. Zwar wurde er zu diesem Projekt von Wolfgang Rothbauer (ex-DISBELIEF) und Gerald Huber (COLLAPSE 7) rekrutiert, steht aber mit seinem unverkennbaren Gitarrenspiel und seinem Aggro-Gesang natürlich im Mittelpunkt des Geschehens. Verkomplettiert wird das illustre Pack dann noch durch ex-BELPHEGOR-Schlagwerker Tomasz Janiszewki und den ehemaligen LACRIAMAS PROFUNDERE-Tieftöner Daniel Lechner.

Wer nun anhand des Covers oder aufgrund des Bandnamens blutigen Horrorpunk oder dezenten Death'n'Roll erwartet, hat die falsche Ausfahrt erwischt und sollte schleunigst umdrehen. Denn über den zehn Songs weht eindeutig das Death Metal-Banner. Straight, ohne Ecken und Kanten, dafür aber voll in die Fresse. Frühere DISMEMBER, GOREFEST oder ENTOMBED grüßen aus der Vergangenheit herüber, aber der Zombie-Verein macht nicht den Fehler, hier eine reine Retro-Platte mit dem üblichen Nostalgie-Faktor abzuliefern. Die Technik wurde beim Producing ein wenig zurückgenommen (schön, mal wieder ein relativ ungetriggertes Schlagzeug zu hören), der Sound ist trotz seiner rohen Wucht aber immer noch genügend transparent. Noch dazu überfordern El Cochino und Konsorten ihre Hörer nicht mit unnötigen Mathematik-Aufgaben, hier gibt's übersichtlich strukturierte harte Kost mit jeder Menge geiler Riffs, netten Spielereien zum Kopfnicken und einer großen Portion Spaß an der Freud. Und außer diverser Splatter-Geräuscheinlagen und der wie üblich tiefsinnigen Texte hat hier eigentlich nix mit Zombies zu tun.

Persönlich weiterempfehlen  kann ich auf Anhieb das ein wenig an PUNGENT STENCH (no na!) erinnernde "Challenge Of The Undead", den teilweise schleppenden Düster-Whopper "We Must Eat", der zwischendurch immer wieder in wüstes Blast-Geschredder ausbricht, und "Grim Brutality", das mit exzellentem Riffing verzaubert. Und das grenzgeniale "Horror Fills This Hollow Earth" mit dezenten BELPHEGOR-Seitenhieben ist allerleckerste Hartwurst zum einfach nur zufrieden Grinsen, für mich der beste Track hier. Genau so muss effektives Songwriting sein, meine Herren!

Insgesamt eine erstaunlich runde Angelegenheit und hoffentlich weitaus mehr als nur ein weiteres "Projekt". Bei all dem Retro-Wahn, der grad um uns herum tobt: "A Dreadful Decesase" ist endlich wieder mal ein Scheibchen ohne erwähnenswerten Tiefpunkt. Hier sind alte Profis mit massig Erfahrung am Werk, die das machen, was sie am besten können. Und das hört man jeder einzelnen der 40 Minuten an.

www.myspace.com/zombieinc666

Mike

 

NEAL MORE - Testimony 2: Live In Los Angeles (Inside Out/EMI)

Man mag zu Neal Morse und seinen konservativen religiösen Ansichten stehen wie man will, aber der Mann ist einfach einer der aktivsten und nachhaltigsten Musiker der Gegenwart. Ob nun mit TRANSATLANTIC oder im Solo-Kontext wie hier, die epischen Songs und Konzeptwerke sind dieselben, die Erzählweisen ähnlich, und Drummer Mike Portnoy in beiden Bands sein Wegbegleiter. Natürlich dreht sich bei Herrn Morse textlich alles um seine religiöse Erleuchtung und spirituelle Themen, was er uns auch live ausführlich erklärt.

Den dreistündigen Konzertmitschnitt aus Neal's Heimatstadt Los Angeles im Rahmen der "Testimony 2"-Tour gibt's nun sowohl als Audio- als auch als Video-Erlebnis, wobei man natürlich der DVD den Vorzug geben sollte (die mir zwar in diesem Falle nicht vorliegt, aber ich denke da kann man nicht viel falsch machen). Musikalisch gibt's an diesem Dreifach-Teil wirklich nichts zu meckern, neben Portnoy musizieren hier alte Weggefährten wie Bassist Randy George oder Multiinstrumentalist Eric Brenton mit dem Meister, dessen Schaffen sich natürlich großteils im Artrock ausdehnt, mitunter jazzig sein kann, aber oft auch heftig hardrockend.

Natürlich muss man einen Konzept-Moloch wie das 20-minütige "The Separated Man" oder das überragende "Seeds Of Gold", das sich gar über 27 Minuten erstreckt, erst mal überschauen können. Man sollte sich schon einigermaßen auskennen im umfangreichen Back-Katalog des ehemaligen SPOCK'S BEARD-Chefs, und sei es nur, um die einzelnen Teile von "Testimony 2" zu einem schlüssigen Ganzen zu verbinden oder "Sola Scriptura" - ein Konzeptwerk über Martin Luther - in seiner Gesamtheit deuten zu können. Für aufmerksame Zuhörer, die sich mit Neal Morse bereits länger auseinandersetzen, sollte dies alles kein Problem sein. Der Mann geht hier halt noch ein wenig detailverliebter und akribischer zu Werke als beispielsweise mit TRANSATLANTIC. Denn das hier ist zu jedem Zeitpunkt seine Band, und er bestimmt wo's langgeht. Dass er aber auch Sinn für (biblischen) Humor hat, beweist Neal einige Male in seinen Ansagen oder im kurzen, aber heftigen "Leviathan".

Natürlich kann man es - bei aller Hochachtung vor des Meisters Virtuosität - auch so drehen: Leute, die wirklich jeden Furz eines Künstlers sammeln wollen, müssen diese Scheibe haben. Alle anderen sollten sich eher auf die TRANSATLANTIC-Live-CD konzentrieren.

www.nealmorse.com

 

PARADISE LOST -  Draconian Times MMXI (Century Media/EMI)

"Pretend you're enjoying yourselves, even if you're not!" meint Nick Holmes gleich zu Beginn des Gigs im Londoner "Forum" im April diesen Jahres. Aber die Leute genießen den Abend so oder so, dürfen sie doch eines von nur sieben Konzerten von PARADISE LOST miterleben, bei denen die Düsterherren aus Halifax das komplette 1995er-Album "Draconian Times" durchspielen. Am Stück und in der richtigen Reihenfolge versteht sich. Und bald wird klar, dass von den 13 Songs der Platte eigentlich viel mehr einen regulären Platz im Live-Set der Band verdient hätten.

Neben den üblichen Standards wie "The Last Time", "Once Solemn" und "Forever Failure" sind es vor allem "I See Your Face" und "Yearn For Change", die hier überzeugen können. Bei letzterem bilden sich sogar kleine Mosh-Pits und die gesamte Halle grölt den Refrain mit. "Draconian Times" ist das Album von PARADISE LOST, mit dem sie einerseits den weltweiten Durchbruch geschafft haben, andererseits war es für längere Zeit das letzte wirkliche Metal-Album - danach begann ja bekanntlich die Experimental-Phase mit Ausflügen in die Elektronik.

Nichtsdestotrotz beweist die Aufarbeitung in einem Live-Set einmal mehr, wie zeitlos die Musik von PARADISE LOST ist - wie auch Manger Andy Farrow im Interview meint. Apropos: Neben der gut 85-minütugen Konzert-DVD gibt es noch einen zweiten Silberling mit Bonusmaterial - Interviews mit Band, Producer Simon Efemy und Besuchern der Meet & Greet-Session vor dem Gig in London. In einer rund halbstündigen On-The-Road-Doku kann die Band auch mal beweisen, dass sie nicht immer zwangsläufig in die Rolle der ernsten, wortkargen Superstars schlüpfen müssen. Vor allem Nick Holmes, der auf der Bühne meist steif ist wie ein Holzklotz und nur die nötigsten Ansagen tätigt, dürfte privat ein echter Spaßvogel sein, der ständig am Schmäh führen ist und Stories aus der Bandgeschichte zum besten gibt. Man glaubt es kaum.

Insgesamt hat die Band mit "Draconian Times MMXI" ein eindrucksvolles Live-Dokument hinterlassen, und ich hoffe - so wie alle anderen, die nicht dabei waren - dass diese Idee Schule macht, und das Quintett des Öfteren die grandiosen Nummern dieses Meilensteins allesamt live präsentiert!

www.paradiselost.co.uk

Mike

 

RUSH - Time Machine 2011: Live In Cleveland (Roadrunner/Warner)

Versteht mich nicht falsch: RUSH als eine meiner absoluten Lieblingsbands hat mich seit etwa 1988 maßgeblich in meinen musikalischen Ansichten beeinflusst. Aber die Frage ist: wie viele RUSH-Livealben braucht die Welt?

Haben die Canucks zu Beginn ihrer Karriere den Zyklus von vier Studioalben immer mit einer Live-Scheibe abgerundet, so werden heute schon fast jährlich inflationär DVDs oder CDs von Konzertmitschnitten des Trios auf den Markt geworfen. Genauer gesagt sind in den letzten zehn Jahren bei zwei Studioalben ganze fünf Live-Packages erschienen, von denen man aber bloß "Rush In Rio" und das "R30"-Jubiläums-Set als wirklich herausragend und vonnöten bezeichnen darf. Es ist ja auch nett gemeint, die restliche, von RUSH eher stiefmütterlich behandelte Welt an der vor kurzem stattgefundenen "Time Machine"-Tour teilhaben zu lassen, und der Auftritt in der "Quicken Loans Arena" in Cleveland, Ohio war sicherlich ein denkwürdiger Abend - war es doch gerade in dieser Stadt, wo RUSH zu allererst im US-Radio gespielt wurde. Aber wie wäre es, wenn man sich das Budget für eine weitere Live-Platte das nächste Mal sparen würde, um es stattdessen in ein paar Shows mehr auf europäischem Festland zu investieren (zum Vergleich: 67 Shows in USA und Kanada stehen magere zwölf Shows in Europa gegenüber)?!

Aber bei aller Kritik: RUSH sind und bleiben halt RUSH. Da gibt's nichts zu meckern, egal wie man's dreht und wendet. Die Setlist dieser Tour wird sogar eingefleischte Fans überraschen, denn zum ersten Mal in ihrer ewig langen Karriere spielen Geddy, Alex und Neil das Jahrtausend-Album "Moving Pictures"(1981) am Stück durch. Zwar mit der obligatorischen Set-Pause dazwischen, das tut der Live-Magie von "The Camera Eye" (wurde zuvor selten bis nie live gespielt) und "Red Barchetta" aber keinen Abbruch. "Caravan" und "BU2B", die beiden Songs vom kommenden Album "Clockwork Angels" dürfen natürlich auch nicht fehlen und gehen ein wenig in die mit "Snakes And Arrows" eingeschlagene Richtung.

Geddy Lee's Stimme scheint jährlich um einen Halbton zu sinken, trotzdem erreicht er noch einige der höheren Töne problemlos. Alex Lifeson ist nicht nur der netteste, sondern wahrscheinlich auch einer der herausragendsten Gitarristen des Universums, und dass die Drum-Performance von Neil Peart irgendwann mal von "perfekt" abweicht, ist ohnehin unvorstellbar. Sein Solo diesmal heißt "Moto Perpetuo", erstreckt sich über fast neun Minuten und es ist abartig, was dem Mann immer noch für Gimmicks für seine Performance einfallen.

Für Menschen, die wirklich alles von RUSH besitzen müssen, ist "Time Machine" sicherlich ein wertvolles Tondokument, wenn es auch bei weitem interessantere Konzerte aus der Bandgeschichte als Mitschnitt gibt. Alle anderen sollten sich das Geld lieber für eine der raren Europa-Shows im Rahmen der kommenden Tour sparen.

www.rush.com

Mike

 

INSOMNIUM -  One For Sorrow (Century Media/EMI)

Finnland ist mittlerweile sowas wie die Hochburg der gepflegten dunkelbunten Melancholie, man denke nur an Bands wie GHOST BRIGADE, OMNIUM GATHERUM oder THE MAN EATING TREE.

Auf seinem fünften Langspielwerk umgarnt uns das Quartett aus Joensuu erneut mit zehn eher im unteren bis mittleren Tempobereich gehaltenen Perlen der Schwarzkunst. Alleine schon das Opener-Doppel "Inertia/Through The Shadows" lässt einem mit zunehmender Spieldauer die Gänsehaut ins Nirgendwo wachsen, und nimmt auch vorweg wie dieses Album weitergeht. Und da wären wir gleich beim einzig wirklichen Manko von "One For Sorrow" - es ist alles ein wenig vorhersehbar. "Only One Who Waits" , "Unsung" und vor allem das mit einigen Hoppel-Passagen behübschte "Every Hour Wounds" machen zwar deutlich, wie sehr sich die Band immer noch im Spannungsfeld von DARK TRANQUILLITY und AMON AMARTH bewegt, die Stärke der Songs liegt aber letztendlich im gekonnten Balanceakt zwischen wunderschön entspannten Melodiebögen und harschem Death Metal-Geschrote der entschärften Art. Da kommt dann auch der Wechselgesang richtig schön zur Geltung - "Regain The Fire" und das für meinen Geschmack etwas zu lange ausgewälzte "Lay The Ghost To Rest" machen das schön deutlich. Das fast schon an Ambient gemahnende Zwischenspiel "Decoherence" und der finale Titelsong hinterlassen den Hörer einfach nur glücklich und zufrieden mit sich und der Welt.

Die Breitwand-Produktion entfaltet sich im 360-Grad-Radius um einen herum, man stürzt von einer Emotion in die nächste, und plötzlich ist das herbstliche Nebelwetter draußen nicht mehr scheiße - sondern einfach nur schön! Der Gesang ist zwar ein wenig in den Hintergrund geraten, was aber nicht weiter stört, denn es sind in erster Linie die großartigen Melodie-Kaskaden, die den Charme von INSOMNIUM ausmachen. "One For Sorrow" ist somit Pflichtalbum, für alle Freunde oben genannter Combos sowieso, und solange die Finnen mit solchen Werken um die Ecke kommen, darf draußen von mir aus auch das Wetter scheiße sein.

www.insomnium.net

Mike

 

CHRYST -  PhantasmaChronica (Omniversal Records)

Leute! Um diese Platte so zu rezensieren, dass ihr alle sie auch versteht, werden wir uns neue Adjektive einfallen lassen müssen. CHRYST sind das aktuelle Betätigungsfeld des ehemaligen KOROVA/KOROVAKILL-Musikers Christof Niederwieser. Und waren die Innsbrucker Metal-Avantgardisten damals schon nicht einfach zu handhaben - CHRYST ist es noch viel weniger.

Ein einziges, in vierzehn Segmente gesplittetes Stück ist auf "PhantasmaChronica" zu finden, und natürlich ist es eine Art Konzeptwerk - über den Wahnsinn der heutigen Zeit in all seinen Facetten. Und genau so klingt das Ganze dann auch. Herzallerliebst und im schicken Corporate Design kommt das Promo-Packerl auf des Rezensenten Schreibtisch geflattert. Der Inhalt: CD im Digipack, Leaflet mit Infos, Sticker, Postkarten und noch eine handgeschriebene Bitte um ein Review. Optisch überzeugend mit persönlicher Note.

Interessant ist das Teil auch akustisch allemal, auch wenn es beim ersten Durchlauf wie ein bitterer schwarzer Klops erst mal im Gehörgang stecken bleibt. Und man sollte es eher als Gesamtwerk betrachten, nicht in einzelne "Songs" aufteilen. Dann funktioniert's auch besser mit dem Überblick. Doom Metal mit ziemlich vielschichtigem Gesang regiert hier, ebenso Black und Progressive Death, und nicht selten artet das Ganze einfach in den schieren Wahnsinn aus. Da klingt dann sogar VOIVOD's "Dimension Hattröss" wie eine Platte voller Kinderlieder. Der gute Herr Niederwieser hat natürlich alle Instrumente selbst eingeklöppelt, wie es sich gehört - auch wenn die Drums teilweise ein wenig arg aus dem PC kommen. Störend sind des öfteren die extrem schrägen, disharmonischen Spielereien (bei "Universe Inverse" etwa, oder am Ende von "Templum Tempus") inklusive fetzigem Kastratengesang, aber da und dort lässt sich doch auch mal ein Highlight orten. Das beschwörende "Metatropolis" zum Beispiel, oder die hübsche Black Metal-Raserei "The Novopharus - The Chronomagus".

Der Rest ist und bleibt jedoch schwer verdaulich, nur für technisch versierte Individualisten mit strapazierfähigem Gehör geeignet, aber letztendlich trotzdem einen Hör-Check wert!

www.chrystworld.com

Mike

 

BLACK WATER RISING -  Black Water Rising (Metalville)

Wenn man aus Brooklyn, New York stammt und sich in Southern Rock versucht, kann das gutgehen? Kann man da als Band authentisch klingen?

Nun, teils-teils. BLACK WATER RISING, das sind ex-DUST TO DUST-Shouter Rob Traynor und der STEREOMUD-Gitarrero Johnny Fattoruso, die hiermit zusammen mit dem BOILER ROOM-Drummer Mike Meselsohn und Bassist Oddie McLaughlin ihr zweites Album auf den Markt wuchten. Nach dem ersten Durchgang bleibt jedoch erst mal  ein schaler Beigeschmack zurück. Der Grund dafür ist relativ simpel und für jedermann wahrscheinlich auch sofort hörbar: Southern Rock mit ein wenig Grunge-Attitüde dieser Ausrichtung muss schon sehr effektiv in Szene gesetzt sein und sollte nicht, so wie diese CD, einfach an einem vorüber ziehen ohne auch nur irgendwelche Gefühle im Hörer auszulösen. Sprich: das Teil ist vorhersehbar, zig-fach schon mal irgendwo gehört und spielt sich deshalb extrem schnell tot.

Ok, wenn jemand auf die Schnittmenge aus BLACK LABEL SOCIETY, ein wenig ALICE IN CHAINS und BROUGHT LOW abfährt, dann kann er sicherlich auch "Black Water Rising" etwas abgewinnen. Überraschenderweise schafft es das Quartett bei "No Halos" sogar noch, ein wenig KING'S X in den Sound einzubringen. Die Single "Brother Go On" oder das von einem coolen CORROSION OF CONFORMITY-Groove getragene "The River" sind schlicht und einfach erdige Rocksongs, und in diesen beiden Fällen noch nicht mal schlecht inszeniert. Das treibende "Sale On Your Soul" lass ich auch grad noch als halbwegs spektakulär durchgehen.

Beim Rest regiert leider das Mittelmaß, auch wenn ich mir sicher bin dass die Kapelle live recht gut rüberkommt. Also bitte nur zugreifen, wenn man meint, bereits alles aus diesem Bereich der harten Musik gehört zu haben. Oder wenn man unbedingt den x-ten Aufguss oben erwähnter Referenzbands in CD-Form zuhause stehen haben möchte.

www.blackwaterrising.com

Mike

 

TRANSATLANTIC -  More Never Is Enough: Live At Manchester And Tilburg 2010 (Inside Out/EMI)

Jetzt mal ehrlich: wie viel TRANSATLANTIC braucht die Welt? Die Prog-Supergroup hat drei reguläre Alben auf dem Markt und mit dieser Veröffentlichung vier offizielle Live-Scheibchen. Wo liegt da der Sinn?

Natürlich ist es gerade bei einer Combo wie dieser wichtig, sie irgendwann im Leben mal live gesehen zu haben, und es soll ja noch genügend Erdenbürger geben, die der Herren Morse, Portnoy, Stolt und Trevawas noch nie leibhaftig ansichtig wurden. Und welche Band kann schon von sich behaupten, fast ihren gesamten Schaffenskatalog live aufführen zu können? Aber irgendwo schreit das Teil doch nach Ausverkauf und Mysterien-Demontage (oft ist weniger ja mehr). Vor allem weil ein gewisser Herr Neal Morse ja jetzt gerade auch sein ebenfalls dreistündiges Solo-Tondokument (siehe Review oben) unters Volk bringen möchte. Hat "More Never Is Enough" also seine Daseinsberechtigung oder nicht? Nun, ja und nein.

Einerseits hat man hier die allerletzten Shows der vergangenen Tour mitgeschnitten, und die Band präsentiert sich trotzdem (oder gerade deswegen) in Höchstform. Andererseits hat man Monsterepen wie "The Whirlwind" - das mit knapp 80 Minuten den kompletten ersten Silberling einnimmt - "Bridge Across Forever" oder "All Of The Above" ja bereits auf den vorhergehenden Live-Werken zu hören bekommen, nur halt in anderen Variationen. Bei der Präzision von TRANSATLANTIC kann man von Variationen aber ohnehin nicht wirklich sprechen. Und zu allem Übel kommt das Teil mit exakt der selben Setlist daher wie "Whirld Tour 2010: Live In London", und sogar noch in derselben Reihenfolge.

Vielleicht kann hier auch die DVD-Version wieder ein wenig retten, die mir aber wie bei NEAL MORSE gar nicht erst vorliegt, meines Wissens aber wenigstens den GENESIS-Bonustrack "The Return Of The Giant Hogweed" mit Steve Hackett an der Klampfe beinhaltet. Trotzdem würde ich den Dreifach-Whopper jenem des Herrn Morse vorziehen, weil hier einfach die Musik und der Spaß an der selben im Vordergrund stehen - und nicht irgendwelche pseudoreligiösen Konzeptarien. Irgendwie dann doch nur was für ganz verbissene Sammler, und in diesem Falle wäre der Titel "More Is Enough Yet" passender gewesen...

www.transatlanticweb.com

Mike

 

SOLSTAFIR -  Svartir Sandar (Season Of Mist/Soulfood)

Der Vorgänger "Köld" war schon alles andere als leicht verdaulich, und nun wuchtet uns das Klang-Konglomerat aus Island diesen auf den ersten Blick schier unverdaulichen Brocken Musik in den Schacht. Daran, dass die Angelegenheit hier in Doppel-CD-Ausführung daherkommt, hat aber nicht die ausufernde Spielzeit schuld - die liegt insgesamt bei knapp 78 Minuten. Es scheinen eher konzeptionelle Ursachen zu sein, die den Split in "Andvari" und "Gola" veranlasst haben.

"Andvari" ist die musikalisch dunklere Seite, was schon der eröffnende Bandwurm "Ljós Í Stormi" dramatisch in Szene zu setzen weiß - wie von einem endlosen Lavastrom wird man hinab gesogen in abgrundtiefe Klangkathedralen, und der klagende, fast weinerliche Gesang von Adalbjörn Tryggvason trägt den Rest dazu bei, dass auch die folgenden fünf Eruptionen alles andere als positiv klingen. SÓLSTAFIR sind heute eher im Postrock und im Psychedelic zuhause, und können in ihren ruhigen Momenten schon mal wie die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN klingen.

Dass das Quartett aber auch bittersüß sein kann, macht man bei "Fjara" deutlich, einem wunderschön entrückten Song mit ebensolchem Gesang. Und die plätschernden Klavierakzente, die in "Aera" mit einem simpel treibenden Gitarrenriff kontrastieren, sind einfach nicht von dieser Welt. Auf  der zweiten CD "Gola" eröffnet mit "Melrakkablús" ein Song, über den man getrost auch Leonhard Cohen drüber singen lassen könnte. Hier präsentiert sich zwar alles ein wenig gelockerter, offener und strukturierter - wirkt aber im selben Moment etwas orientierungsloser. Höhepunkt neben dem erwähnten Eröffnungstrack ist hier sicherlich der Titelsong, der sich auf achteinhalb Minuten ausgewälzt von allen Songs noch am meisten in die Doom-Ecke entwickelt und entfernt an "Köld" erinnert. "Djákninn" lässt die Angelegenheit dann mit halbakustischen Gitarren und ein paar feinen, bis zum Exzess ausgewälzten Riffs relativ rockig ausklingen.

Die bizarre isländische Landschaft scheint wie geschaffen dafür zu sein, solche Klangwerke zu erschaffen, auch wenn man das im unseren subtropischen Breiten vielleicht nicht ganz so verstehen will. Für sich genommen ist "Svartir Sandar" im heutigen Klangkosmos sicher eine Ausnahmeerscheinung, aber die Crux dessen ist halt, dass solche Alben erstens immens viel Zeit brauchen, um sich zu entfalten. Und zweitens für fröhliche Gemüter und zu geradlinig denkende Musikfreunde denkbar ungeeignet sind. Aufgeschlossene Hörer mit melancholischen Neigungen, die gerne mal etwas entdecken wollen, das genauso gut Soundtrack sein kann wie "nur" Rockmusik, das sich selbst keine Grenze auferlegt und doch hermetisch in seinem kleinen Schublädchen beurteilt werden will - ja, die werden mit SÓLSTAFIR ihre Freude haben.

"Svartir Sandar" möchte nicht im Vorbeigehen beurteilt werden, und schon gar nicht nach herkömmlichen Metal-Maßstäben, denn vom Metal ist man mittlerweile  ziemlich weit entfernt. Eine gewagtes, forderndes Album mit ein paar stilistischen Abstrichen - was bei der Länge aber nicht unbedingt ein Minuspunkt ist.

www.solstafir.net

Mike



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